Das Googleversum – So manipuliert Google unsere Meinung

„This is your last chance. After this, there is no turning back. You take the red pill – you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes.“

The Matrix

Selbstverständlich ist die Erde der Mittelpunkt der Welt! Wenn Sie nie von etwas anderem gehört hätten, würden Sie das auch glauben.

Was ist schon Realität? Ein delikates Konstrukt – höchst subjektiv obendrein. Schon bei den einfachsten Dingen, etwa Farben. Wir mögen uns auf die Farbe Rot geeinigt haben (Mohnblumen sind rot), aber ob sie jeder gleich wahrnimmt, wissen wir nicht. Ganz zu schweigen davon, dass Farbenblinde Rot gar nicht sehen (vereinfacht gesprochen). Ist „Rot“ also real? Vielleicht nur für manche? Das ist wie mit dem Baum im Wald, der umfällt, als keiner in der Nähe ist. Ist er dann wirklich umgefallen?

Keine Angst, das hier wird nicht “Sophies Welt”. Ich will nur sagen: Wir erachten das als real, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können (alles andere ist Glaube oder reine Theorie). Es ist wie in Platons Höhlengleichnis: Wenn wir zeitlebens nur auf Schatten auf einer Wand blicken könnten, wären sie für uns das einzig Wahre. Und selbst, wenn wir uns nach Jahrzehnten umblicken könnten, käme uns nicht unwirklich vor, was wir da sähen?

Realität ist Ansichtssache

Was wir als Realität empfinden, ist also nur unsere Meinung von der Realität. Und wo es Meinung gibt, gibt es auch Manipulation. Denn entscheidend für unsere Meinung sind die Quellen, deren wir uns bedienen, um uns ebenjene zu bilden. Wenn die Dinge vor unserer Nase passieren (die Höhlenwand), ist das schon nicht einfach (sonst wären Zauberer arbeitslos). Richtig kniffelig wird es, wenn wir uns ein Bild von der ganzen Welt machen wollen. Dann brauchen wir Medien, die dieses Bild abbilden (die Schatten). Nun hat aber eine Tagesschau nur 15 Minuten – da passt nicht alles rein, was in der Welt passiert. Also trifft die Redaktion eine Auswahl – und bestimmt damit, was wir wahrnehmen. In der Medientheorie sprechen wir von Gatekeepern. Das sind über Jahrzehnte hinweg die Journalisten gewesen, die nur bestimmte Themen durchließen.

Alles was keinen Nachrichtenwert hatte (der Sack Reis in China), war für uns nicht passiert. Deswegen ist unser Weltbild seit jeher so skandalisiert – weil “Mann beißt Hund” immer noch die bessere Nachricht ist als “Hund beißt Mann”.

Das Internet macht es nicht besser

Das muss sich doch geändert haben! Das Internet ist dermaßen meinungspluralistisch, dass keine Informationselite mehr über unser Weltbild bestimmen kann. Endlich der eigene Herr! – Doch, oh je, da machen wir uns selbst einen Strich durch die Rechnung. Denn wir Menschen sind – pardon – Gesinnungsschweine und wenden uns am liebsten den Inhalten zu, die unsere Meinung unterstützen. Weil wir immer weniger passiv konsumieren (Zeitung, Radio, TV), sondern aktiv Inhalte im Netz suchen, wird unser Weltbild immer eindimensionaler. Und dann auch noch das: Einen Gatekeeper gibt es noch immer. Und er ist stärker denn je!

Google, sag mir, was ich denke

Denken Sie mal nach: Wonach haben Sie heute schon gegoogelt? Nach einer Adresse? Einem Namen? Einem Fachbegriff, den Sie eigentlich hätten kennen sollten, sich aber nicht ganz sicher waren? So oder so – Sie werden sich nicht alle Suchergebnisse angeschaut haben. Vielleicht nur das erste, maximal ein paar Links auf Seite eins. Diese Suchergebnisse konstituieren Ihre Realität zum gesuchten Begriff. Merken Sie was? Mit einem Marktanteil von über 90% auf dem Suchmarkt entscheidet Google, was sie sehen. Google, der omnipotente Gatekeeper. Google, der Meinungsmacher.

Ein Gatekeeper kommt, der andere geht. Wo ist das Problem? Nun ja, im Gegensatz zu Journalisten macht Google nicht mal den Versuch, neutral und kritisch zu sein. Ganz im Gegenteil: Wo es nur geht, versucht der Branchenprimus, konkurrierende Angebote wegzupusten und User im eigenen Googleversum zu halten – Google Maps, Youtube, Chrome etc. Wer dabei sein will, muss zahlen (oder zumindest in SEO investieren); die Sichtbarkeit ist zu einer teuren Währung geworden.

So manipuliert uns Google: 3 Schlagzeilen

„Ex-Mitarbeiter warnen: Facebook, Google und Snapchat machen dich süchtig“

t3n.de

Februar 2018 starteten Silicon Valley-Insider die millionenschwere Aufklärungskampagne „The Truth About Tech“, um an 55.000 US-Schulen vor den Gefahren zu warnen, die von Google, Facebook und Co. ausgehen. „Die weltgrößten Supercomputer befinden sich in zwei Unternehmen, Google und Facebook. Und worauf richten wir sie aus? Wir richten sie auf die Gehirne von Kindern“, zitiert die New York Times den Chef der Bewegung, Tristan Harris.

„Macht uns Google dumm?“

 

faz.net

Führen digitale Angebote wie die Google Suche oder Google Maps dazu, dass wir wichtige Kulturtechniken wie Kartenlesern oder Recherchieren verlernen, weil uns alles abgenommen wird? Und endet unsere Bequemlichkeit letztendlich in der eigenen Unmündigkeit? Die FAZ legt Indizien vor, die darauf hindeuten.

„Sehend ins Verderben“

 

spiegel.de

Entwickler Guillaume Chaslot schrieb ein Programm, um zu testen, wohin die Weiterschauen-Empfehlungen beí Google-Tochter You Tube führen. Dabei landete der „Seh-Bot“, der sich von verschiedenen Suchbegriffen durch das Angebot hangelte, bei immer extremeren, abseitigeren Inhalten. Der Grund: Der Empfehlungsalgorithmus folgt verhaltenspsychologischen Belohnungsmustern.

Google Maps macht die Welt, wie’s gefällt

Klingt gar nicht so schlimm? Dann denken Sie mal an die Auswirkungen; siehe Google Maps. Karten sind ja per se nur eine Abbildung der Wirklichkeit. Was aber, wenn sie nicht mehr nur zu kartographischen Zwecken gezeichnet werden, sondern aus kommerziellen Gründen? Google macht genau das – und manipuliert unser gesamtes Weltbild.Beispiele: Die sogenannten „areas of interest“, Orte in der Stadt also, an denen sich Restaurants und Bars konzentrieren, orientieren sich mehr an Googles Geschäftsinteressen als an den Usern. Wer sein Geschäft nicht bei Google angemeldet hat, wird erst gar nicht angezeigt – existiert damit faktisch nicht.

Dafür schaffen es jeden Monat Tausende dubioser Briefkastenfirmen auf die Karte. Kurzum: Ob eine Firma im Internet und damit in unseren Köpfen existiert, entscheidet Google. Das lässt sich auf den ganz großen Maßstab übertragen. Palästina beispielsweise ist auf Google Maps nicht als Staat eingezeichnet. Die Frage, ob dies so sein müsste, kann und will ich hier nicht
erläutern – aber sie wissen ja, worum es mir geht.

(gehe zu) Shop, (nimm) Artikel, (gib) Geld (an) Kassierer

Immerhin funktioniert die Navigationsfunktion von Google Maps sehr gut – vielleicht zu gut. Denn der Kartendienst klinkt sich klammheimlich in unsere Willensbildung ein, wenn er Routen zuweilen nach kommerziellem Interesse festgelegt. Wer im Netz beispielsweise öfter mal nach H&M sucht oder dort shoppt, wird auf dem Weg zu seinem eigentlichen Ziel just an einer Filiale vorbeigelotst. Anderes Beispiel: Geograph Matt Zook fand heraus, dass User, die nach dem Begriff „Abtreibung“ suchten, durchweg nicht zu einer Abtreibungsklinik weitergeleitet wurden, sondern zu Niederlassungen von Abtreibungsgegnern.

Damit manipuliert uns Google – absichtlich oder nicht – sogar dort, wo wir uns von dem Digitalunternehmen „sicher“ glauben, nämlich in der ganz realen Welt. Das ist wie in dem alten Grafikadventure, in dem der Protagonist die vierte Wand durchbricht und bemerkt, dass er von einer übergeordneten Macht, dem Spieler nämlich, gelenkt wird. Was, wenn wir mit dem Computer die Rollen getauscht haben?

Das Beste zum Schluss

Lassen Sie mich mit einer offensichtlichen Aussage enden: Es ist nicht besonders schwierig, auf einen Konzern wie Google einzudreschen. Das ist nahezu physikalisch: Je größer das Unternehmen, desto größer die Angriffsfläche. Mir geht es auch nicht darum, uns zurück in die Steinzeit zu wünschen (dann arbeitete ich im falschen Unternehmen). Ich setze mich aber kritisch mit einem Gegenstand meiner Arbeit (das Internet) auseinander. Ein Schneider muss ja auch seine Stoffe kennen oder ein Koch seine Utensilien.

Anders gesagt: Wer handeln will (schneidern, kochen, suchmaschinenoptimieren), muss erst wissen, womit er es zu tun hat. Erst dann können wir daraus machen, was das Ergebnis jedweder Dienstleistung sein sollte: Das Beste. In diesem Fall (Digitalisierung) ist es halt nur so, dass das Thema gleich alle angeht.

Kontakt zum Autor

Michael Mirwald | diconium

Michael Mirwald

senior content marketing manager