Ein letzter Hilfeschrei – von Leid und hilfloser Verzweiflung traditioneller Medien im Zeitalter der Digitalisierung

Interessiert habe ich im „journalist“ aus der Ausgabe 05/2017 den Artikel über das Leid der traditionellen Medien gelesen, dass immer mehr Webseiten-Besucher mittels Adblocker-Technologie Online-Werbung unterdrücken. Verlage wie Springer und Süddeutsche Zeitung versuchen, die Herstellung bzw. Programmierung von Adblockern zu verbieten. Die Argumente, die vor Gericht angeführt werden sind zum Teil aus meiner Sicht haarsträubend. Es wird mit dem Wettbewerbsrecht argumentiert, mit dem Entstehen von wirtschaftlichen Schäden ohne die Werbeeinnahmen, dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, gefolgt von Urheberrechtsfragen wie der Manipulation von HTML-Code zur Laufzeit (Seitenbesuch) bis hin zur Gefährdung des kompletten Geschäftsmodells im Sinne von „Geschäft mit dem Journalismus“.

Und an dieser Stelle habe ich dann ernsthaft angenommen, einen Comic zu lesen. Das eine oder andere Argument kann ich ja noch nachvollziehen. Ja, es ist nicht schön, wenn auf der eigenen Seite Werbeeinblendungen unterdrückt werden, aber was hat das mit dem UWG zu tun? Es betrifft ja schließlich alle Seiten im Netz gleichermaßen. Und auch die Manipulation des HTML-Codes zur Laufzeit mittels Software kann ich als Argument akzeptieren. Doch warum bitte wird die Hersteller-Firma des Ad-Blockers verklagt – wieder und wieder? Wenn ich ein Geschäft eröffne und jemand einen Zaun vor den Eingang stellt, dann verklage ich doch auch nicht den Hersteller des Zauns, oder?

Das verheerendste Argument, das Geschäft mit dem Journalismus durch Ad-Blocker fundamental zu gefährden, verstehe ich als eine Art Bankrotterklärung der Verlage. Sind die Schiffe wirklich schon so tief gesunken?

Liebe Verleger, das Problem sind nicht die Nutzer – das Problem ist das Festhalten an alten Geschäftsmodellen und -praktiken, die im digitalen Zeitalter einfach nicht mehr funktionieren.

Wer sich mal kritisch die Statistiken anschaut, wird feststellen, dass niemand Lust auf Online-Werbung hat, Videos nicht im Autoplay-Modus starten sollen und so weiter. Wen wundert es dann, dass die Klickraten auf Werbebanner unterirdisch schlecht sind (Tendenz weiter sinkend) und dass sich Ladezeiten und Browser-Aktivität durch die Werbeeinblendung massiv verschlechtern – und dadurch zwangsläufig die Nutzung einer Seite kontinuierlich unattraktiver wird?
Auch das Gejammer auf der wirtschaftlichen Seite kann ich verstehen – der Umsatz pro Nutzer bei einem Klick auf Werbebanner ist seit Jahren mehr oder weniger stagnierend und das Wachstum bei mobilen Endgeräten liegt nicht unbedingt am Willen der Nutzer oder dem Potenzial der Werbefläche, sondern nicht zu selten am einfachen „Falschklicken“. Doch ist die Antwort auf die Veränderungen und den in der Tat kritischen Problemen das Klagen und Verbieten von Software-Installationen bei den Lesern?

Seit Jahren kommt die ganze Branche einer Lösung nicht wirklich näher. Es werden Modelle wie Spiegel PLUS oder Bild PLUS eingeführt. Doch so richtig funktionieren wollen die einfach nicht. Die Nutzerschaft hat sich an kostenlose, schnelle und hautnahe News-Flashs (s. Twitter) gewöhnt – und wer es konkret braucht, kauft sich dann doch den Stern, Spiegel oder was auch immer am Kiosk. Was augenscheinlich zu funktionieren scheint, ist das aktuelle Vorgehen von Bild.de, die bei dem Aufspüren eines Adblockers die Seite komplett sperren und den Nutzer bitten, den Adblocker auszuschalten. Interessanter Weise machen das viele Besucher sogar.

Wenn ich jedoch schnell und umfassend zu einem Thema oder einfach nur den laufenden Ereignissen informiert sein will, dann führt im Grunde kein Weg an Twitter vorbei. Das Medium Twitter ist schneller als jedes andere und wenn man mit dem richtigen Maß an Hirn liest, dann auch noch weitaus meinungsoffener und weniger „politisch korrekt“ als die meisten bekannten Blätter. Doch die deutschen Verlage konzentrieren ihre Energie auf das Verklagen von Adblocker-Herstellern oder das Einführen von schlecht funktionierenden Bezahlmodellen (Laterpay als Beispiel) anstatt sich Gedanken um den User zu machen. Unglaublich. Denn ganz ehrlich liebe Verlage – diejenien, an die ihr als erstes denken solltet sind eure Leser, nicht die Werbeeinnahmen, die Kostensenkungen und Profitmaximierung.

Ist bei all den Medienhäusern schon mal jemand auf den Gedanken gekommen, dass möglicherweise das zusammenschrumpfen von Redaktionen einen Qualitätsverlust zur Folge hatte, den jetzt auch kein versierter Leser wirklich zahlen möchte? Hat sich schon mal jemand mit der Frage beschäftigt, warum so wenig Leser die PLUS-Artikel lesen, geschweige denn, dafür bezahlen? Ganz ehrlich liebe Spiegel-Online-Geschäftsführung – wer so ein einfach zu umgehendes System wie „Laterpay“ einsetzt, unterschätzt das Wissen und die Fähigkeiten der aktuellen Internetgesellschaft massiv. Das sind überwiegend keine Kleinkinder oder Vollidioten – die meisten Surfer löschen ihre Cookies nach jeder Session oder sind in der Lage, einfachen Quellcode zu lesen. Ich bin erstaunt, dass überhaupt Einnahmen generiert werden – es scheint doch noch ehrliche Leser zu geben, die gerne erst zahlen und dann sehen, was sie für ihr Geld bekommen haben.

 

Wenn es der gesamten Branche so schlecht geht, warum setzt sie dann nicht einmal gemeinschaftlich ein Zeichen?

 

Vorschlag 1:

Einfach mal einen Tag offline sein: alle gemeinsam – das wäre mal ein Zeichen.

Vorschlag 2:

Folgen Sie dem Beispiel von WeltN24 – gemeinsam an einem Strang ziehen, Medien kombinieren und die Bezahlinhalte so gut schützen, dass man nicht mit den einfachsten Methoden darauf Zugriff erhält.

Vorschlag 3:

Stellen Sie sich einmal die Frage, warum andere Unternehmen, die digitale Inhalte verkaufen, erfolgreich sind. Als Beispiel: Spotify. Hier kann ich nur in den maximalen Nutzen kommen, wenn ich für die Inhalte zahle (im Sinne eines Premium-Accounts). Jedoch überwiegt der Mehrwert die Kosten aus Nutzersicht signifikant. Die Hürde ist nicht allzu hoch. Dazu kommt das Angebot eines „Familien-Abos“. Diese Form des Bezahlens ist derart mehrwertstiftend, dass es eigentlich keinen Grund gibt, das Abo bei einer Familie nicht abzuschließen.

Vorschlag 4:

Nutzen Sie doch einmal die zahlende Leserschaft als Quelle der Qualitätssicherung. Wenn ich einen PLUS-Artikel sehe, habe ich ja im ersten Moment keine Chance, zu beurteilen, ob der Artikel im weiteren Verlauf gut oder schlecht ist. Führen Sie ein Incentivierungsmodell ein, bei dem zahlende Leser bei Bewertung eines Artikels eine Art „Rückerstattung“ bekommen. Nicht alles, aber einen kleinen Teil. Dieses Feedback (einfache Sternchen reichen aus) können Sie dann am Artikel im Sinne von „Lesenswert“ anbringen. So würde ich eher auf „weiterlesen und bezahlen“ klicken, als die Katze im Sack zu kaufen. Die Mechanik funktioniert bei Amazon und in vielen anderen Online-Shops.

Wahrscheinlich liegt jedoch die Wahrheit wie so oft in der Mitte – bzw. in der Kombination der unterschiedlichen Gedanken und Ansätze. Dennoch – so lange ich die gleichen Berichte auf zahlreichen anderen Plattformen finde, fehlt mir (noch) der Drang, ein Abomodell oder ein „pay-per-read“ zu zahlen. News bekomme ich auch wo anders, redaktionelle und gut recherchierte Inhalte leider nicht so einfach. Das ist das derzeit noch einzige Alleinstellungsmerkmal der unterschiedlichen Zeitungen bzw. Zeitschriften – und auch das verschwindet mit zunehmender Schrumpfung der Redaktionen.

Warum verklagt man also Hersteller von „Schutzsoftware“, wenn man doch eigentlich eine der Ursachen der Schutzsorge ist? Versuchen Sie, Ihre Nutzer und deren Interessen, Wünsche und Verhalten in Ihr Geschäftsmodell einzubeziehen.

 

Gerne unterstützen wir mit weiteren Impulsen zur Geschäftsmodell-Gestaltung mit dem Wissen aus vielen Jahren E-Commerce und Kundenkommunikation sowie eigenen Lese-Erfahrungen.