#Flugtaxi: Warum wir erst autonom fliegen, bevor wir autonom fahren

Kein Scherz: Das autonome Fliegen kommt eher als Du denkst

Am Wochenende habe ich wieder die verschiedenen Tweets gelesen, die unsere neue Digitalministerin Fr. Bär mit dem #Flugtaxi in Verbindung bringen. Dabei fragte ich mich, wie weit denn die Flugtaxis wirklich entfernt sind und komme zu dem Schluss, die Flugtaxis werden vor dem autonomen Fahren Realität werden. Das ganze social bashing ist also nicht nur dumm, sondern sehr wahrscheinlich liegt Frau Bär auch noch goldrichtig. Es liegt an Ihr und Ihrem Ministerium, die Wege zu ebnen.

Die gewichtigsten Argumente gegen Flugtaxis sind Sicherheit, Unfallgefahren sowie bestehende Rechte und Gesetze. Doch bei einem Blick in die Unfallstatistiken fällt auf, nicht das Flugzeug, sondern das Auto ist das gefährlichste Verkehrsmittel.

Doch warum ist das so?

Aus meiner Sicht sind drei entscheidende Faktoren die Ursache dafür, dass Autofahren so gefährlich ist.

Faktor 1

Der Mensch.

Das Auto eröffnete den Menschen die Möglichkeiten der individuellen Fortbewegung, über große Distanzen und nach eigener Entscheidung und unabhängig von Fahrplänen. Gut, das Führen eines PKW bzw. das Bewegen im Straßenverkehr setzt eine Ausbildung voraus, dennoch ist das Fahren an sich der Individualität des Fahrers überlassen. Vom Raser bis hin zum Sonntagsfahrer haben (fast) alle diese Fahrzeugführer einen Führerschein, folglich irgendwann einmal die Ausbildung dafür abgeschlossen. Dennoch ist die Art zu Fahren überwiegend individuell, geprägt durch Ängste, Erfahrungen und die körperliche Verfassung. Die Wege sind hingegen nur zu kleinen Teilen individuell – denn in den meisten Fällen wird auf einer Straße oder einem Weg gefahren. Im Flugzeug (wie auch in der Bahn oder im Bus), wird die menschliche Fehlerquelle drastisch reduziert. In einem Flugzeug haben die beiden Piloten eine normalerweise sehr gute Ausbildung und es sind pro Flugzeug in der Regel nur zwei menschliche Fehlerquellen, die sich auch noch redundant kontrollieren. Damit wird zwar der Faktor „individuelles Reisen“ eingeschränkt (es gehen nur bestimmte Routen/ Luftstraßen und Ziele), die menschliche Fehlerquelle jedoch auch. Ein Grund warum auf eine hohe Anzahl von Reisenden so wenig Unfälle mit Flugzeugen passieren.

Faktor 2

Das nicht vorhandene Ökosystem.

Aus der hochgradigen Maximierung der Individualität im Reisen per eigenem Fahrzeug oder Motorrad ist das Ökosystem im Grunde nur durch die Regeln auf der Straße (bei uns ist das die StVO) definiert. Es gibt jedoch kein geschlossenes und gekapseltes Ökosystem an sich, denn auf der Erde (und damit auch im Straßenverkehr) gibt es zahlreiche Einflussfaktoren, die das Ökosystem „Straßenverkehr“ permanent beeinflussen. Sei es Wetter, Fußgänger, Radfahrer, Skater, Tiere und vieles mehr. All diese Einflüsse führen dazu, dass die Straße und damit das Auto auf der Straße, kein geschlossenes Ökosystem darstellt. Im Luftverkehr sieht das etwas anders aus. Ja, es gibt auch Wetter und Tiere, aber keine Radfahrer, Skater oder Straßenschäden. Der Verkehr im Luftraum ist ansonsten ebenso geregelt wie auf der Straße. Es gibt Luftverkehrsstraßen und auch Lufträume, in denen man sich quasi „frei nach Sicht“ bewegen kann. Die Regeln innerhalb des Luftraumes sind jedoch sehr klar, es gibt wenig Interpretationsspielraum – weil es eben wenig unkontrollierbare Einflüsse auf das „Ökosystem Luftfahrt“ gibt. Genau aus diesem Ökosystem-Gedanken heraus sehe ich auch das autonome Fahren kritisch und in absehbarer Zukunft als unrealistisch an. Autonomes Fahren wird sicherlich funktionieren, wenn das Ökosystem geschlossen bleibt. Das bedeutet, solange es nur und ausschließlich autonome Fahrzeuge und wenig Störfaktoren gibt. Sobald nicht-autonome Fahrzeuge, Radfahrer, Kinder, Skater, Tiere und sonstige eher schwer vorhersehbare Ereignisse Einfluss innerhalb des Ökosystems haben, wird auch autonomes Fahren schnell an die Grenzen stoßen. Das beste Beispiel dafür ist der erst kürzlich erfolgte Unfall eines autonomen Uber Fahrzeuges, bei dem es zu einem Todesfall kam. (https://derstandard.at/2000076442346/Erster-toedlicher-Unfall-Selbstfahrendes-Auto-rammt-Fussgaengerin). Die Folge: vorerst hat Uber das Testen mit autonomen Autos pausiert. Ebenso der kürzliche Unfall eines Tesla Fahrzeuges, bei dem auch ein Mensch ums Leben kam.

Faktor 3

Fehlende Automatisierung.

Anders als in der Luftfahrt, ist im Auto und Straßenverkehr vieles nicht automatisiert. Ja, es gibt Assistenz-Systeme wie Spurwarnung, Infra-Rot-Warner oder Abstandsregler, nur am Ende des Tages hat der Fahrer die Verantwortung und auch die Entscheidungshoheit. Wie gesagt, Auto-Fahren ist eine sehr individuelle Art der Fortbewegung, die vielen Einflüssen unterliegt. In der Luftfahrt werden seit Jahren diverse Systeme genutzt, die eine vollkommene Automatisierung erlauben. Von Autopilot über TCAS (Traffic Collision and Avoidance System) bis hin zum „Automatic Landing System“ – gibt es alles schon. Der Pilot gibt den Zielflughafen ein, der Computer berechnet die Route. Nach dem Start der Klick auf „Autopilot“, und 50 Meilen vor dem Ziel der Klick auf „Auto Landing“. Den Rest macht die Maschine. Das geht jedoch nur, weil der Luftraum so gesehen ein geschlossenes Ökosystem ist, in welchem nur sehr gut ausgebildete und eher wenige Menschen Einfluss haben und die Anzahl möglicher Störfaktoren a) nicht so hoch ist und b) relativ gut berechnet werden kann.

Betrachtet man diese drei grundlegenden Faktoren, bei denen wahrscheinlich der Ökosystem-Gedanke der wichtigste Aspekt ist, so sehe ich das autonome Fahren nur, wenn sich das in einem in sich gekapselten Feld abspielt. Wenn alle Autos autonom sind, dann könnte das klappen. Wenn sich alle Teilnehmer an die gleichen Regeln halten und den gleichen Algorithmen folgen. Das wird meiner Meinung nur sehr schwer bis gar nicht möglich sein. Denn es wird auf absehbare Zeit Straßen und Wege und Orte geben, in denen noch Menschen die Autos lenken, ebenso, wie es auf absehbare Zeit noch die hohe Zahl an externen Ökosystem-Einflussfaktoren geben wird. Oder sollte man alle Fußgänger, Radfahrer, Tiere, Skater etc. auch aus dem Straßenverkehr verbannen?

Strukturen schaffen

Vielleicht hilft jedoch der Diesel-Skandal bei der Schaffung der grundlegenden Strukturen. Es wird sicherlich auffallen, wenn alle Diesel-Fahrzeuge aus den Städten verschwunden sind, dass die Benziner ähnlich viele Stickoxide ausstoßen wie der Diesel. Basierend darauf könnte man dann auch die Benziner aus den Städten verbannen – und hätte somit zumindest einen Teil der Grundlage geschaffen, ein System aus rein autonom fahrenden elektrischen Autos zu betreiben. Hört sich für mich nach einem eher unwahrscheinlichen Szenario an, da hier meiner Meinung die Barrieren im Kontext „Automobilindustrie“ einfach zu hoch sein werden.

Bei den Flugtaxis ist das wahrscheinlich auch nicht ganz einfach. Was fehlt, sind im ersten Schritt Gesetze und rechtliche Rahmenbedingungen – denn leider ist das „Tieffliegen“ über Städten, erst Recht in der Nähe von Flugplätzen, nicht erlaubt. Jedenfalls nicht für private Kleinflugzeuge oder Drohnen oder Modellflugzeuge (ab einer gewissen Größe und über 30 Metern Flughöhe, Quelle Luftfahrtbundesamt, März 2018). Hier muss die rechtliche und technologische Sicherheit geschaffen werden, welche das Fliegen auch in Städten erlaubt. Ebenso als Herausforderung zu sehen sind aktuell noch fehlende „Landeplätze“. Ich gehe jedoch davon aus, dass dies das kleinste Problem sein wird. Eine Bushaltestelle ist ja auch schnell geschaffen oder verlegt. Das wird auch für Flugtaxis passieren. Man kann im Grunde jede Bushaltestelle „überdachen“ mit einem Drohnen-Landeplatz. Das ist dann zwar auch nicht die totale Individualität der Reiseplanung, jedoch bei der Bezeichnung „autonomes Fliegen“ kann man davon ausgehen, dass #Flugtaxis der beste Tradeoff aus Individualreisen per Auto und Flugzeug sind.

Es wird für Flugtaxis folglich weitaus mehr „Landeplätze“ geben als Flugplätze, jedoch mit Sicherheit auch weniger Parkplätze, so dass im Grunde der größte Mehrwert darin besteht, nicht mehr im Stau zu stehen, sondern sich über ihn hinweg fliegen zu lassen.

Somit ist im autonomen Fliegen per Flugtaxi der Tradeoff in der höheren Reise-Flexibilität als beim Flugzeug zu sehen, wenngleich doch weniger Individualität als im eigenen PKW.

Doch was fehlt uns derzeit noch?

Autonomisierung? Nicht wirklich. Wie gesagt, im Luftverkehr sind zahlreiche autonome Systeme bereits im Einsatz, die Adaption in ein kleineres Fluggerät stellt daher im Grunde keine Herausforderung dar. Akzeptanz? Ja, die fehlt noch. Alleine das Bashen von Frau Bär lässt erahnen, wie stark die Widerstände gegen das Thema noch sind. Dabei ist das autonome Fliegen wahrscheinlich sicherer und effizienter, als das autonome Fahren.

Allen Automobilherstellern sei geraten, sich einmal im eigenen Museum umzuschauen, und zu erkennen, welche Pionierleistung die Gründer von Porsche oder Mercedes Ende des 19. Jahrhunderts geleistet haben. Jetzt ist die Zeit, sich mit den Themen der Mobilität von Morgen zu beschäftigen. Die Konstruktion von autonomen Drohnen zur Personenbeförderung sollte eigentlich durch Autobauer getrieben werden, und nicht durch Airbus und Boing. Alleine die Aussage von BMW, sich ab 2020 mit dem Thema zu beschäftigen, lässt mich da doch etwas ratlos stehen. Ernsthaft? Erst in 2 Jahren will man sich mit dem Thema beschäftigen? Alleine der Blick nach Dubai und China sollte doch vollkommen klar die Zeichen der Zeit zeigen. Hier finden die Tests schon statt, sprich, das, womit sich BMW 2020 anfangen will zu beschäftigen, wird dort bereits erprobt.

Und wenn sogar Frau Bär den Begriff #Flugtaxi kennt, dann ist es höchste Zeit, sich dem Thema ernsthaft zu widmen. Vergessen Sie autonomes Fahren, das ist eine nette Idee, die nur in begrenzten und erst noch zu erschaffenden Ökosystemen funktionieren kann und wird. Konzentrieren Sie sich auf das, was in wenigen Jahren Realität sein wird – autonomes Fliegen. Alleine die Nutzung der besseren Voraussetzungen im Sinne der Ökosystem-Logik sollte so offensichtlich sein, dass jeder Automobil-Vorstand erkennen sollte, dass autonomes Fahren maximal im Stau toll ist, wenn die Menge an Einflussfaktoren beherrschbar scheint. Doch wer steht schon gerne im Stau?

Der Autor

Alexander Käppler

senior digital consultant
+49 711 2992-0