Open Banking – auf dem Weg zum Banking-Ökosystem

Wie geht es jetzt weiter?

 

Ihr Kontakt bei diconium

Robert Augst
director financial services

Daten sind das neue Gold – auch in der Finanzindustrie. Daten ermöglichen es, in Echtzeit das Verhalten der Kunden besser zu verstehen, zielgerichtet Produkte und Services zu positionieren und dem Kunden ein möglichst intuitives, reibungsloses und vor allem digitales Kundenerlebnis zu bieten.

Während digitale Neo-Banken dies längst verstanden haben, geraten etablierte Finanzinstitute zunehmend unter Druck, ihre traditionellen Vorgehensweisen zu überdenken. Die EU-PSD2-Verordnung verstärkt diesen Druck, denn sie folgt dem Gedanken des "Open Banking" und schafft die regulatorische Grundlage für moderne Finanz-Ökosysteme. Sie sorgt dafür, dass Banken ihre kundenbezogenen Finanzdaten für Drittanbieter, darunter andere Finanzinstitute und -dienstleister, zugänglich machen müssen. Drittanbieter werden über offene Schnittstellen, sogenannte „Application Programming Interfaces“ (APIs), in die Lage versetzt, die Daten anderer Finanzinstitute zu analysieren und für die eigene Produkt- und Serviceentwicklung zu nutzen.

Zudem ermöglicht der Open-Banking-Ansatz den Aufbau digitaler Finanz-Ökosysteme, da Leistungen von Drittanbietern in die eigene Plattform integriert bzw. eigene Leistungen in fremden Plattformen positioniert werden können. Dies erleichtert FinTech-Startups und branchenfremden Unternehmen den Einstieg in die Finanzindustrie, und setzt etablierte Player unter Druck, sich im Kontext digitaler Ökosysteme strategisch neu aufzustellen. Das heutige, auf klassische Bankprodukte fokussierte Portfolio kann im Vergleich nicht mit den kundenorientierten Angeboten neuer, z.T. branchenfremder Player mithalten.

 

Klassische Banken müssen daher die Chancen von Open Banking nutzen, um sich und ihr Angebot neu zu erfinden und die direkte Kundenschnittstelle zu behalten.

Wir haben Simon Redfern, Gründer des Open Bank Project und CEO von TESOBE, nach seiner Einschätzung gefragt, wie sich traditionelle Banken als Teil moderner Open-Banking-Ökosysteme positionieren müssen, um die direkte Kundenschnittstelle nicht an Drittanbieter zu verlieren. Simon Redfern gilt als Vordenker und Wegbereiter des Open Banking, und hat mit der Open-Source-Plattform des Open Bank Project bereits Großbanken wie die BNP Paribas und UniCredit auf ihrem Weg begleitet. Mit über 11.000 Entwicklern und 350 angebotenen APIs ist das im Jahr 2010 gegründete Open Bank Project heute der führende Open-Source-Anbieter von APIs für Open Banking.

Der veränderte Umgang mit kundenbezogenen Finanzdaten bietet Banken eine breite Vielfalt an Möglichkeiten, das Kundenerlebnis durch Prozessoptimierungen zu verbessern, die eigenen Produkte und Services näher an Kundenbedarfen auszurichten bzw. eigene Leistungen als Teil digitaler Plattformen zu positionieren.
 

Die potenziellen Anwendungsfälle sind enorm vielfältig, daher möchten wir im Folgenden aufzeigen, über welche strategischen und operativen Imperative sich Finanzinstitute diesem Trend nähern können.

1 | Es lohnt sich, Early Mover zu sein

Die Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 wurde bereits Anfang 2018 in nationales Recht umgesetzt und ist daher verpflichtend umzusetzen. PSD2 schreibt ein Minimal-Set an API-Schnittstellen vor, z.B. für den Zugriff auf Kontoinformationen oder zur Zahlungsauslösung. Dieses Minimal-Set sollte als Ausgangspunkt angesehen werden, um über die reine Pflichterfüllung hinauszugehen und weitere Potentiale zu identifizieren und erschließen. Aus den Erkenntnissen, die Finanzinstitute aus dem Aufbau eines solchen Minimal-Sets generieren, ergeben sich zügig weitere Anwendungsfälle für profitable Schnittstellen, sowohl für B2C als auch für B2B Services.

„Even if a bank wants to do the absolute minimum to comply, they should still have an API gateway to do all that development with.”

Best Practice | Die Großbank Nordea war einer der ersten Player in den nordischen Ländern, die über die regulatorischen Anforderungen von PSD2 hinausgegangen ist und Produkte rund um Open Banking Schnittstellen an den Markt gebracht hat. 2017 hat Nordea eine Plattform für Open APIs gestartet und als erstes Produkt das „Instant Reporting“ veröffentlicht. Dies erlaubt Firmenkunden, auf Echtzeit-Informationen zu Konten, Kontoständen und Transaktionen zuzugreifen und diese Daten in ihre eigenen Systeme und Prozesse zu integrieren, ohne dafür separat auf Benutzeroberflächen der Bank zugreifen zu müssen. Nordea war mit diesem Produkt ein „early mover“ in den nordischen Ländern, und ist heute als einer der international führenden Player im Open Banking anerkannt. Nordea betreibt heute eine umfassende Plattform für APIs, deren Performance im Vergleich zu anderen Anbietern hervorragend abschneiden.

 

2 | Die Usability wird zum Key Differentiator

Die erfolgreiche Umsetzung erster Anwendungsfälle für offene Schnittstellen stellt lediglich einen ersten Schritt dar, genügt aber nicht, um langfristig im Wettbewerb mit anderen Finanzinstituten zu bestehen. Die meisten Banken haben mittlerweile umfassende API-Plattformen aufgebaut, die Entwicklern die entsprechenden Tools und Guidelines mitgeben, um die bereitgestellten Schnittstellen erfolgreich zu nutzen bzw. weiterzuentwickeln. Darunter fallen beispielsweise Sandbox-Umgebungen, in denen Schnittstellen getestet werden können, bevor sie ins Live-System übernommen werden, sowie Low- und No-Code Lösungen für eine vereinfachte Entwicklung. Neben klar definierten Prozessen, wie ein Anwendungsfall in die Plattform aufgenommen wird, umfasst die Unterstützung für Entwickler häufig auch die Etablierung einer aktiven Developer Community oder das Angebot von Training-Sessions. Zum einen soll sichergestellt werden, dass Schnittstellen leicht von Entwicklern genutzt werden können; zum anderen sollen Entwickler ermuntert werden, aktiv an der Weiterentwicklung der Plattform mitzuwirken.

Best Practice | In Richtung ihrer Endkunden haben die Sparkassen mit ihrem Multi-Banking-Angebot bereits ein prominentes Angebot im Markt platziert, was auf der technischen Grundlage des Open Banking Ansatzes beruht. So erhält man im Online-Banking einen konsolidierten Überblick über die Konten und Depots bei Sparkassen und anderen Banken, und kann aus dieser Übersicht auch Überweisungen von allen eingebundenen Konten auslösen. Die Sparkassen-Finanzgruppe hat die Chancen von Open Banking für sich erkannt und im Zuge dessen in den vergangenen Monaten eine umfassende API Plattform aufgebaut. Diese stellt Drittanbietern nicht nur das regulatorische Minimal-Set von Schnittstellen zur Verfügung, sondern erlaubt den Zugriff auf mehr als 5.000 bankfachliche Funktionen des Gesamtbanksystems OSPlus.

 

3 | Ökosysteme fußen auf erfolgreichen Partnerschaften

Für die erfolgreiche Implementierung von Anwendungsfällen, die dem Kunden ein reibungsloses Kundenerlebnis über Anbieter hinweg bietet, müssen sich Finanzinstitute für partnerschaftliche Kooperationen öffnen. Die Zusammenarbeit mit Drittanbietern, z.B. mit FinTech-Startups oder branchenfremden Unternehmen, ist von elementarer Bedeutung, um neue Produkte und Services zu entwickeln und in neue Geschäftsfelder vorzudringen.

„First thing is to let go of this belief that you can or should do everything internally.”

Open Banking senkt die Hürden für den Markteintritt in die Finanzindustrie, sodass FinTech-Startups und branchenfremde Unternehmen, darunter auch Big Tech-Unternehmen, bessere Möglichkeiten haben, eigene Produkte und Services zu platzieren. Im offenen Wettbewerb können diese Player zu einer existentiellen Bedrohung für klassische Banken werden. Statt in einer passiven Rolle den Wettbewerb durch neue Player abzuwarten, sollten etablierte Finanzinstitute ihre Kompetenzen dazu nutzen, Partnerschaften aktiv voranzutreiben.

Best Practice | Die spanische Großbank BBVA zählt zu den Vorreitern unter den klassischen Banken im Bereich Open Banking. BBVA hat einen modernen API Marktplatz, den BBVA API_Market, aufgebaut, der es Drittanbietern erlaubt, traditionelle Bankprodukte und -services in die eigene Umgebung zu integrieren. 2019, als eine der ersten Kooperationen dieser Art, wurde in Mexiko die Partnerschaft zwischen BBVA und Uber bekanntgegeben. Über die Uber App können Fahrer und Lieferanten ein digitales Konto erstellen, das mit einer Debit Card verknüpft ist, und so innerhalb weniger Minuten direkt ihre Einnahmen erhalten. Zusätzlich können Uber-Fahrer auf weitere finanzielle Vorteile, wie Kredite, oder Rabatte und Rückerstattungen für Benzinkäufe, zurückgreifen. Fahrer sollen so ihre alltäglichen Bankgeschäfte einfacher erledigen können, indem sie ihre finanziellen Angelegenheiten in einer App zusammenfassen. Die BBVA schafft es, über diese Kooperation weitere Geschäftsfelder und Kundensegmente zu erschließen; neuere Ankündigungen seitens BBVA, wie z.B. zur Partnerschaft mit Google in den USA, in denen Kunden ein digitales Konto über Google Pay angeboten wird, zeigen erneut, welches Potential ein partnerschaftlicher Ansatz bietet.

 

4 | Open Banking ist kein Feature, sondern ein strategischer Paradigmenwechsel

Finanzinstitute müssen langfristig evaluieren, welche strategische Rolle sie im Kontext moderner, digitaler Finanz-Ökosysteme einnehmen wollen. Dabei stellt sich die Frage, welche Teile der Wertschöpfung durch die Banken selbst übernommen werden sollen und wie man dabei eine direkte Interaktion mit dem Kunden aufrechterhalten kann. Geschlossene Systeme, die sich auf die eigene Kundenbeziehung fokussieren, werden künftig von offenen Plattformen abgelöst, in denen Banken mehrwert-stiftende Produkte und Services optimal positionieren müssen. Hier ist es von zentraler Bedeutung, externe Entwicklungen kontinuierlich im Blick zu behalten und die eigene strategische Positionierung vor dem Hintergrund der eigenen Kompetenzen laufend zu überprüfen. Unabhängig davon, ob man als Finanzinstitut selbst ein Ökosystem etablieren will oder lediglich die Produkte und Services auf den Plattformen von Drittanbietern positionieren möchte, bedarf es eines grundlegenden Paradigmenwechsels hin zum Open Banking Ansatz.

Best Practice | Dass auch branchenfremde Unternehmen die Potentiale des Open Banking Ansatzes erkannt haben, zeigt nicht zuletzt der Start C24 Bank des Vergleichsportals Check24. Die C24 Bank bietet aktuell ihren Kunden lediglich ein Girokonto; auf Basis des Open Banking Ansatzes werden weitere Produkte und Services von anderen Finanzinstituten angeboten, die über die Oberfläche von Check24 miteinander verglichen werden können. Check24 baut damit seine Plattform weiter aus und bindet seine Kunden enger an das eigene Ökosystem. Etablierte Finanzinstitute müssen in diesem Kontext ihre strategische Rolle hinterfragen, um sich langfristig erfolgreich in gemeinsamen Ökosystemen mit FinTech-Startups, Big Tech und branchenfremden Playern positionieren zu können.

Fazit

Open Banking ist mehr als nur ein weiterer Trend für die Finanzindustrie; es ist ein tiefgreifender Paradigmenwechsel, der etablierte Player unter Druck setzt, Plattform-Geschäftsmodelle zu verstehen und die eigene strategische Positionierung zu definieren. Die PSD2 Richtlinie beschleunigt diesen Wandel, denn sie schafft die regulatorische Grundlage für moderne Finanz-Ökosysteme und verpflichtet Finanzinstitute zu einem grundlegend neuen Umgang mit kundenbezogenen Finanz-Informationen. Etablierte Banken sollten dies als Absprungbasis nutzen, um neue Potentiale für kundenorientierte Produkte und Services zu erschließen und diese im Rahmen moderner Ökosysteme zu platzieren.
 

Die bankfachliche Leistung rückt dabei in den Hintergrund – letztlich zählt für den Kunden ein möglichst intuitives, reibungsloses und vor allem digitales Kundenerlebnis. Hier bedarf es einer Orientierung außerhalb der Grenzen der klassischen Finanzindustrie, um Kunden auch abseits des eigenen Online-Banking-Portals abzuholen und ihnen kontextbezogen mehrwert-stiftende Leistungen zur Verfügung zu stellen.

Haben Sie Fragen oder Anmerkungen? Kommen Sie gerne auf uns zu! Wir freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen.
Quellen

Nordea, 2018

APIexpert, 2021 (Für eine Langzeit-Betrachtung muss zunächst das Jahr 2020 als betrachteter Zeitraum ausgewählt werden)

Sparkassenzeitung.de, 2020

BBVA, 2019

Forbes.com, 2020

Handelsblatt, 2020

Ihr Kontakt bei diconium

Wie geht es jetzt weiter?

 

Ihr Kontakt bei diconium

Robert Augst
director financial services

Das sind wir

Seit 1995 unterstützen wir Branchenführer wie Volkswagen, Stihl, Bosch, Kodak Alaris oder Sick dabei, das Potenzial der digitalen Transformation zu nutzen und Millionen von Kunden außergewöhnliche Erfahrungen zu bieten. Als starker Partner begleiten wir Unternehmen durch den gesamten Prozess der Digitalisierung: Von Innovation & Strategy, UX, Data & AI, Commerce und Technology bis hin zum Aufbau digitaler Einheiten.

Einer für alle, alle für einen! Rund 1.000 Kolleginnen und Kollegen betreuen unsere Kunden von weltweit dreizehn Standorten aus: Stuttgart, Berlin, Hamburg, München, Wolfsburg und Karlsruhe sowie Bangalore, Detroit, Peking, Lissabon, London, San José und VaE. Was uns vereint? Der Mut, neue Wege zu gehen, gegenseitige Achtsamkeit, Teamwork und der Wille, nachhaltig etwas zu verändern. diconium ist eine 100-Prozent-Tochter der Volkswagengruppe.